Berlin: Sonderisolierstation 59
Gerhard Piper
21. Mai 2026
Im April 2026 ist in der ost-kongolesischen Provinz Ituri zum 17. Mal seit 1976 eine Ebola-Infektionswelle ausgebrochen. Diesmal ist die Bundibugyo-Variante, eine von sechs Ebola-Virensubtypen, der Auslöser. Angesichts der steigenden Opferzahlen ist ein Ende der Tragödie nicht abzusehen. Ein amerikanischer Arzt, der als Entwicklungshelfer vor Ort, ist erkrankt und wird derzeit auf der Sonderisolierstation 59 der Berliner Charité behandelt. Es handelt sich um die – mit Abstand - größte Isolierstation zur Behandlung hochinfektiöser und lebensbedrohlicher Krankheiten, gegen die es kaum einen Impfschutz gibt, also einer der gefährlichsten Arbeitsplätze in Deutschland. Von der Öffentlichkeit am liebsten ignoriert, wirft der Artikel einen Blick hinter die Kulissen.
- Charité
„Charité“ ist das französische Wort für „Barmherzigkeit“, „Nächstenliebe“. Das Hospitalwurde bereits am 13. Mai 1710 als „Pesthaus“ in Berlin-Mitte gegründet. Am 9. Januar 1727 wandelte der preußische „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. die Einrichtung in ein bürgerliches Krankenhaus um und gab ihr den vornehmen Namen. Das Krankenhaus lag damals noch außerhalb der Stadtmauern. Zunächst diente es als Armenhaus und Militärlazarett.
In der langen Geschichte des Hospitals haben bedeutende Ärzte an der Charité gewirkt: Emil von Behring, Paul Ehrlich, Hermann von Helmholtz, Rachel Hirsch, Robert Koch, Ernst Ferdinand Sauerbruch, Rudolf Virchow, (…)
Bis 1990 war die Charité das Regierungskrankenhaus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Das Bettenhaus in der Luisenstraße ist mit seinen 21 Stockwerken eines der größten Gebäude in der Stadt. Mit der deutschen Wiedervereinigung wurde die Krankenhauslandschaft in Berlin neu geordnet. Die großen Krankenhäuser in Westberlin, der „Campus Rudolf Virchow“ (CRV) in Berlin-Wedding (Augustenburger Platz 1) und der „Campus Benjamin Franklin“ in Berlin-Lichterfelde (Hindenburgdamm 39), wurden bis zum 1. Juni 2003 in die traditionsreiche Charité integriert. So wurde aus dem Regierungskrankenhaus der DDR das Regierungskrankenhaus der BRD. Heute ist die Charité zugleich Universitätsklinikum der „Freien Universität“ (FU) in Westberlin und der Humboldt-Universität (HU) in Ostberlin.
Die Charité verfügt über 23.479 Mitarbeiter (Stand: 2023), darunter nicht weniger als 321 Professores. Die verschiedenen Kliniken verfügen über insgesamt 3.293 Betten (Stand: 2023). Damals wurden nicht weniger als 137.825 Patienten stationär oder teilstationär versorgt, hinzu kamen 787.750 ambulante Fälle. Der Jahresetat beträgt 2,5 Milliarden Euro (Stand: 2023. (1) Aber natürlich gibt es seit Jahren Streit mit dem Berliner Senat, weil die Klinik angeblich unterfinanziert und kurz vor dem Zusammenbruch steht. So fehlten der Charité zeitweise Geräte zur künstlichen Beatmung.
-- Campus Rudolf Virchow
Durch das Bevölkerungswachstum und Eingemeindungen stieg im 19. Jahrhundert die Einwohnerschaft Berlins auf 1.8888.000 (Stand: 1900), hinzu kam die Einführung der „Gesetzlichen Krankenversicherung“ im Jahr 1883. Dies machte den Neubau eines weiteren Krankenhauses notwendig. In den Jahren 1899 bis 1906 wurde auf einem Freigelände an der Amrumer Straße in Berlin-Wedding das Rudolf Virchow Krankenhauses in damals moderner Pavillonbauweise mit Parkanlage errichtet. So entstanden 57 Einzelgebäude mit insgesamt 2.000 Betten und 725 Wohnungen für das medizinische Personal.
Das Areal hat eine Fläche von ca. 26 Hektar und erstreckt sich zwischen der Amrumer Straße im Norden, der Föhrer Straße im Osten, der Sylter Straße und dem Nordufer im Süden sowie der Seestraße im Westen. Prof. Dr. Rudolf Ludwig Karl Virchow, der am 5. September 1902 verstarb, hatte sich an ursprünglichen Planungen noch persönlich beteiligt. Die Eröffnung des Krankenhauses erfolgte am 17. September 1906 durch Kaiser Wilhelm II. Durch einen Luftangriff im September 1943 wurde das Krankenhaus weitgehend zerstört, ab den fünfziger Jahren wieder aufgebaut und in den neunziger Jahren erneut umgebaut.
Vom erhalten gebliebenen Hauptgebäude am Augustenplatz geht eine Mittelpromenade ab. Sie hat eine Länge von 425 Metern. Auf beiden Seiten dieses Weges befinden sich nördlich und südlich die verschiedenen Kliniken. Den Abschluss der Mittelpromenade bildet die alte Pathologie, in der sich heute die medizinische Bibliothek der Charité befindet. (2)
Das damalige „Universitätsklinikum Rudolf Virchow“ wurde zwischen 1995 und 1998 schrittweise in die Charité integriert. Der Campus verfügt mit seinen verschiedenen Kliniken über 1.276 Betten. Es ist heute vor allem durch das „Deutsche Herzzentrum der Charité“ (DHZC) bekannt.
Schon bei der Einweihung 1906 verfügte das Hospital über eine „Infektionsbarackenabteilung“ entlang der Amrumer Straße. Sie diente u. a. der Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Die alten Gebäude sind bis heute erhalten geblieben, erfüllen nun aber einen anderen Zweck. Auf der Südseite der Mittelpromenade befanden sich die Kliniken für Diphterie, Scharlach, Keuchhusten und Typhus. Der alte Quarantäne-Pavillon östlich des Hauptgebäudes existiert ebenfalls noch und beherbergt heute das „Gästehaus Axel Springer“ für Besucher der Patienten des Herzzentrums.
--- (Sonder-)Isolierstation 59
Besonders brisante Gebäude tarnen sich oft durch eine scheinbare Unscheinbarkeit. Dies betrifft auch die „(Sonder-)Isolierstation 59“ (SIS) des Campus Virchow-Klinikums. Sie wurde 1978 als „Pockenstation“ errichtet und war damit die erste Isolierstation in der BRD zur Behandlung von hochinfektiöse Krankheiten, gegen die es bis heute kaum eine Behandlungsmöglichkeit gibt, was angesichts der Tödlichkeit und Infektiosität der besagten Infektionen kein guter Sachverhalt ist. Bei Gründung hatte die Station noch 40 Betten. Nach umfangreichen Umbauarbeiten durch die „N.I.K. Planungs- und Ingenieurgemeinschaft“ (Lankwitzer Str. 39) in den Jahren 2005 bis 2009 verfügt sie heute noch über zehn Doppelzimmer mit 20 Betten mit einem eigenen Operationssaal und einem separaten Labor. (3)
Solche Sonderisolierstationen dürfen nur existieren, wenn sie die notwendigen architektonischen und technischen Voraussetzungen aufweisen, um Patienten mit hochinfektiösen, lebensbedrohlichen Krankheitserregern aufzunehmen, gegen die es weder einen Impfschutz noch kausale Therapiemöglichkeiten gibt. Die Einzelheiten werden durch die „Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe“ (TRBA 250/252) festgelegt. Dazu erklärte Prof. Dr. Christoph Lübbert, Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum St. Georg in Leipzig:
„Jede Sonderisolierstation muss ein baulich klar abgetrennter Bereich mit eigenen Zugangswegen sein, mit Schleusen und druckgestufter Raumlufttechnik. Im Behandlungszimmer herrscht Unterdruck, die Zu- und Abluft wird über HEPA-Filter gereinigt. Das sind sehr feinporige Luftfilter, die Schwebstoffe wie Schimmelsporen, Bakterien und teilweise Viren aus der Luft entfernen. Abwässer und infektiöse Abfälle – inklusive Schutzanzüge – werden dekontaminiert, bevor wir sie entsorgen. Dazu kommen strenge organisatorische Vorgaben: Zugang nur für geschultes Personal, eine Gefährdungsbeurteilung, klare Arbeits- und Notfallanweisungen sowie definierte persönliche Schutzausrüstung.“ (4)
Früher hatte die Sonderisolierstation rund 35 Ärzte, 60 Pfleger und 15 weitere Mitarbeiter MTA, Sekretärin, etc.), heute sind es noch 15 Ärzte und 30 Pflegekräfte. Dabei sind die Ärzte auch an anderen Kliniken der Charité eingesetzt und werden nur im Bedarfsfall zur SIS abgestellt. Leiter der Berliner Station ist z. Zt. der Oberarzt Prof. Dr. med. Florian Kurth. Die Pflegeleitung liegt bei Thomas Klotzkowski. Als Sicherheitsbeauftragte fungiert Dr. Lisa Juliane Kahl. Zu den weiteren Mitarbeitern zählt der onkologische Fachpfleger Thomas Große.
Sollte irgendein Kranker in irgendeiner der Kliniken des CRV mit seinen Besuchern zu einem kleinen Spaziergang über das parkähnliche Krankenhausgelände aufbrechen wollen, wird ihm dieser unscheinbare zweigeschossige gelbe Klinkerbau im Südbereich des Areals kaum auffallen. Ungewöhnlich sind bestenfalls die zahlreichen silberglänzenden Röhren auf dem Flachdach. Man erreicht das Gebäude am besten auf kurzem Weg über eine separate Zufahrt vom Nordufer 21/22 her. Ein Hubschrauberlandeplatz befindet sich in unmittelbarer Nähe, aber der wird auch von allen möglichen Rettungshubschraubern genutzt, die die anderen repräsentativeren Kliniken auf dem Campus-Gelände ansteuern. In einigem Abstand zum Gebäude befindet sich ein Drahtzaun (früher Maschendrahtzaun, jetzt stabilerer Stegplattenzaun), aber auch der fällt eigentlich nicht auf, da seine Ein- und Ausfahrttore im Normalbetrieb immer geöffnet sind. Im Seuchenfall – wie jetzt – werden die Tore geschlossen und ein Sicherheitsdienst bzw. die Polizei patrouilliert am Zaun, dafür stehen hölzerne Wachhäuschen bereit. Hinzu kommt noch der äußere Zaun, der das ganze Krankenhausgelände umzäunt. So wird die Station quasi hermetisch abgeriegelt. Dann warnen gelbe Straßenschilder: „Seuchengebiet, Infektionsgefahr, Zutritt verboten!“.
Eine asphaltierte Rampe dient als Krankenwagenauffahrt für die Infektions-Rettungswagen (I-RTW) der Berufsfeuerwehr. Wenn man diese Rampe hochgeht, kommt man zum Pförtner, der über einen Zugang zum Gebäude „9a“ entscheidet. Dahinter befindet sich ein sogenannter „Reinbereich“, in dem keine Ansteckungsgefahr besteht. Hier sind die Überwachungszentrale, die alle medizinischen Daten eines jeden Patienten fortlaufend erfasst und auf ihren Monitoren darstellt, Aufenthaltsräume für Personal und Lagerräume untergebracht.
Hinter zwei Schleusentüren befindet sich der Gefahrenbereich „9b“. Die Station verfügt über ein eigenes Labor. Hier werden Blutausstriche angefertigt und gefärbt oder Blutproben unter dem Mikroskop analysiert.
Von einem Mittelflur gehen rechts und links jeweils fünf Patientenzimmer ab, die jeweils mit zwei Personen belegt werden können. Man gelangt aber nicht sofort in ein Patientenzimmer. Jedes Krankenzimmer hat einen Vorraum, in dem sich das medizinische Personal umziehen und dekontaminieren kann. Eine Wandklappe dient zur Entsorgung des möglicherweise infizierten Mülls. Alles Material, das in das Krankenzimmer hineingeht, egal ob flüssig oder fest, muss durch diese Klappe entsorgt werden: Urin, Kot, Blut, Tücher, Spritzen. Es landet dann im unterirdischen Kellerbereich, wo große Autoklaven bereitstehen, um bei Temperaturen von 134 Grad alles zu dekontaminieren. Restmaterial muss als Bio-Gefahrgut versiegelt werden.
Zumindest früher gab es in jedem Vorraum ein kleines Fenster, durch das man den Patienten beobachten konnte, ob diese Fenster mittlerweile entfernt wurden, ist hier nicht bekannt.
In den Krankenzimmern stand früher jedes Krankenbett in einem Unterdruck-Kunststoffzelt mit Patientenschleuse und Handschuheinlässen, durch die das medizinische Personal am Patienten arbeiten konnte, ohne diesen direkt zu berühren. Dazu trug das Fachpersonal zwei Paar Handschuhe übereinander, hinzu kam als Drittes der Stutzen des „Glove Ports“ des Handschuhkastens. Die Verabreichung einer Spritze wurde bei diesem „barrier nursing“ zur Herausforderung.
Heute steht das ganze Krankenzimmer selbst permanent unter Unterdruck, so dass keine Viren, Bakterien oder sonstigen Krankheitserreger durch Luftströmungen nach außen gelangen kann. Die gesamte Luft wird beständig durch HEPA-Hochleistungsfilter gereinigt. Die Geräte sind redundant ausgelegt, so dass immer eine Filteranlage betriebsbereit ist. Vom Eingangsbereich der Station bis zum Patientenzimmer sorgen vier Unterdruckstufen für eine Luftströmung vom reinen zum unreinen Bereich. Um im ganzen Gebäude Unterdruck herzustellen, werden rund zwei Stunden benötigt. Die komplexe Klimaanlage ist im ersten Stock untergebracht. Die Belüftungstechnik ist ein zentraler Bestandteil des Hauses. Nach den Renovierungsarbeiten in den Nullerjahren stritt die Klinikleitung mit den ausführenden Baufirmen lange Zeit über Baumängel und Rechnungstellung. (5)
Jedes Krankenzimmer hat eine verschlossene Außentür und ein großes Fenster, so dass die Patienten wenigstens nach draußen schauen können. Neben der Außentür gibt es eine Sprechanlage. Sollte der Patient bei Bewusstsein sein und Besuch empfangen können, kommt dieser gar nicht ins Stationsgebäude rein, sondern tritt lediglich an die Außenfront der Klinik heran und kann sich dann bei Sichtkontakt über die Sprechanlage mit seinem Angehörigen unterhalten.
Durch die Außentür des Krankenzimmers wird der Patient vom I-RTW mittels eine Transportisolators in das Behandlungszimmer hineingefahren. So dass er bis zu seiner Entlassung von der ganzen Isolierstation nur sein eigenes Zimmer zu Gesicht bekommt.
Der Aufenthalt in einem SIS ist für jeden Patienten, auch dann, wenn es sich nur um einen harmlosen Verdachtsfall handelt, mit einem äußersten Maß an Stress verbunden. Man kennt seinen genauen Krankheitszustand nicht und muss tagelang auf Laborergebnisse warten, man kommt sich als potentieller, gefährlicher Seuchenträger miserabel vor, die Krankenpfleger und Ärzte sehen hinter ihrer Schutzkleidung aus wie Roboter, man kann nur per Telefon mit der Außenwelt kommunizieren, man kann nichts machen außer liegen. Da man sich unter diesen Umständen kaum noch auf irgendetwas konzentrieren kann, kann man noch nicht einmal Fernsehen oder etwas lesen. Unter dieser sensorischen Deprivation scheint die Zeit einfach still zu stehen, Atmung und Herzschlag bieten allzu wenig Abwechslung.
Das medizinische und pflegerische Personal muss während seines Aufenthaltes im Gefahrenbereich ständig einen ABC-Vollschutzanzug tragen, die mit elektrischen Atemfiltern vom Typ A2B2E2K2-P3 belüftet werden. In jedem Fall ist das Tragen dieser Anzüge anstrengend. So fällt das Atmen unter einer „Gasmaske“ schwer, weil das Einziehen bzw. Ausdrücken der Atemluft durch den technischen Filter die Brustmuskulatur mehr als üblich anstrengt. Hinzu kommt, dass eine Hautatmung nicht möglich ist und somit ausfällt. Ein eingeschränktes Gesichtsfeld, die Geräuschdämpfung durch die Kopfhaube und das monotone Rauschen der Elektrofilter generieren zusätzlichen Stress. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern, tragen alle Einsatzkräfte ein Headset. Zwei Paar Handschuhe übereinander – egal ob aus Latex oder Nitril, manchmal aus Butil – gehören immer noch zum Standard.
Wegen ihrer hohen Dichte sind ABC-Schutzanzüge durch ihre zahllosen Kunststoffschichten zugleich luftundurchlässig. Da die Hautatmung am gesamten Atmungsaufkommen nur einen Anteil von ca. 5 Prozent hat, kann sie durch einen Atemzug mehr pro Minute problemlos ausgeglichen werden. Aber die Haut ist bekanntlich das größte Körperorgan und für den Wärme- und Feuchtigkeitshaushalt zuständig. Dieser Austausch wird über das vegetative Nervensystem quasi automatisch gesteuert und funktioniert problemlos. Beim Überstreifen eines ABC-Schutzanzuges fällt dieser Austausch weg! Dadurch kann der ABC-Helfer bereits nach rund 30 Minuten in ein „künstliches Fieber“ verfallen und bewusstlos werden. Dann bedarf der ABC-Helfer selbst Hilfe. Daher werden alle ABC-Anzüge mit einer Notöffnung konstruiert. Sollte diese im Notfall aufgeschnitten werden müssen, kann sich die ABC-Pflegekraft als Verdachtsfall gleich ins nächste freie Bett legen.
Zur Behandlung eines jeden Patienten sind immer mindestens ein Arzt und zwei oder drei Pflegekräfte vorhanden, die ausschließlich diesen einen Patienten betreuen, so dass durch das Personal nicht eine Infektion von einem Patienten auf den nächsten Patienten verschleppt werden kann. Aus Sicherheitsgründen wird das ABC-Personal immer nur zu zweit eingesetzt. In der Regel beträgt die Arbeitszeit nur vier Stunden pro Tag. Zu dem Personal, dass direkt am Patienten arbeitet, kommen weitere Mitarbeiter im Labor, in der Logistik, im Entsorgungsbereich, etc.. Um einen einzelnen Patienten rund-um-die-Uhr zu betreuen ist somit ein größerer Personaleinsatz erforderlich. Da man unbedingt aufeinander angewiesen ist, herrscht trotz der gefahrvollen Umgebung ein freundlicher Umgangston.
Das Personal betritt und verlässt den Gefahrenbereich durch eine Schleuse, in der die ABC-Anzüge angelegt bzw. abgelegt werden. Beim Verlassen des Gefahrenbereichs muss der ABC-Anzug durch Duschen mit Spezialmitteln (verdünnte Peressigsäure, Formaldehyd, etc.) desinfiziert werden. Dies Ausziehen eines Overalls ist prinzipiell nicht schwierig, erfolgt aber in nicht weniger als 40 Schritten. So ist dies immer nur mit Hilfe eines Kollegen möglich, damit es nicht zu einer Kontaminationsverschleppung kommt. Einfache Overalls sind Wegwerfmaterial, das als Sondermüll entsorgt werden muss, andere ABC-Anzüge aus Kunststoff können dekontaminiert und wiederverwendet werden. Nach der Arbeitsschicht heißt es für das Personal, endlich die Toilette aufzusuchen, zu trinken, essen und auszuspannen.
Der Leiter des Pflegedienstes, Thomas Klotzkowski, meinte zum Arbeitsschutz des Personals:
„Wenn sich jemand auf Station ansteckt, würde das bedeuten, man hat einen Fehler gemacht. Ansteckungen passieren im privaten Bereich, aber nicht hier. (…) Im Arbeitsalltag ist auch die Schutzausrüstung sehr belastend. Wir setzen die Maske ja nie ab. Wir haben schwere körperliche Arbeit zu verrichten, da kommen Sie ordentlich ins Schwitzen. Die Schutzausrüstung erschwert auch die Kommunikation mit den Patienten.“ (6)
In den fast fünfzig Jahren seit Gründung der Sonderisolierstation sind hier einige Patienten durchgegangen. In der Regel handelt es sich um „normale“ Infektionskrankheiten, wie z. B. HIV, Tuberkulose oder Malaria. Dies ist möglich und gut, um den Betrieb der Sonderisolierstation aufrechtzuerhalten und das Personal zu trainieren. Außerdem findet alle zwei Wochen sowieso eine kleine ABC-Übung statt. Die regulären Öffnungszeiten sind Werktags 07:00 - 18:00 Uhr bzw. 08:00 - 12:00 Uhr am Wochenende oder bei Feiertagen, im Alarmfall möglichst sofort.
In der Geschichte der Station gab es wiederholt schwere, hochgradig gefährliche Krankheitsfälle:
- Am 3. August 1999 wurde der Kameramann Olaf Ullmann aus dem Raum Frankfurt/Oder eingeliefert. Er hatte sich in der Elfenbeinküste mit dem Gelbfiebererreger infiziert, was aber zu spät erkannt wurde. Der Patient verstarb. An Bord seines Flugzeuges von Abidjan (Elfenbeinküste) nach Zürich waren 188 Passagiere, im Weiterflug von Zürich nach Berlin 37. In Frankfurt an der Oder standen 55 Ärzte und Pflegekräfte unter Beobachtung, weil sie mit dem Kameramann Kontakt hatten. (7)
- Am 19. August 2014 brach eine Afrikanerin mit Fieber und Kreislaufbeschwerden im Jobcenter in Berlin-Pankow (Storkower Straße 133) zusammen. Daraufhin wurde die Feuerwehr alarmiert. Trotz jahrelanger Ausbildung und obwohl die Presse seit Monaten über die damalige Ebola-Epidemie in Westafrika berichtet hatte, verhielt sich die alarmierte RTW-Besatzung der Berufsfeuerwehr zunächst risikofreudig. Sie näherten sich der dreißigjährigen Patientin nur mit dem obligatorischen Paar Einweghandschuhe, ohne weitere Selbstschutzmaßnahmen ergriffen zu haben. Erst als sich im Patientengespräch herausstellte, dass die Patienten kürzlich aus Afrika eingereist war, löste die RTW-Besatzung Seuchenalarm aus: Die Patientin wurde zur Isolierstation 59 transportiert. Die 600 Besucher des Jobcenters mussten zwei Stunden warten, bis sie das Gebäude wieder verlassen durften. Die RTW-Besatzung, zwei weitere Einsatzkräfte und zwei Mitarbeiter des Jobcenters wurden vorübergehend in Quarantäne genommen. Schließlich konnte Entwarnung gegeben. Zunächst hieß es, die Afrikanerin leide „nur“ an einer Magen-Darm-Infektion, später stellte sich heraus, dass die Patientin an Malaria erkrankt war. (8)
- Am 2. Mai 2026 wurde auf der Isolierstation ein Patient aus Berlin untergebracht, der sich möglicherweise auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ mit dem Andes-Virus infiziert hatte. Er wurde mittlerweile in häusliche Quarantäne entlassen.
- Seit dem 20. Mai 2026 wird auf der Station auch der amerikanische Chirurg Dr. Peter Stafford versorgt, der sich bei einer OP im Nyankunde-Hospital infiziert hat. Er arbeitete dort für die US-Hilfsorganisation „Serge Global“. Dr. Stafford wurde über den Berliner Flughafen Schönefeld eingeflogen und im Konvoi der Analytischen Task Force (ATF) der Berufsfeuerwehr mit Polizeieskorte zum CRK verbracht. Hier wird er mit monoklonalen Antikörpern (mAK) behandelt. In diesem Zusammenhang ist von der Therapie „DP134“ sdie Rede. Als Mittel der Wahl steht das anti-virale Medikament Remdesivir zur Verfügung. (9) Sein Krankheitszustand ist „stabil“, was die Ärzte immer dann feststellen, wenn ihnen nichts Genaueres einfällt.
- Einen Tag später, kurz nach Mitternacht, folgten seine Ehefrau, die Ärztin Rebekah Stafford und die vier Kinder des Ehepaares im Vorschulalter. (10) Die Ärztin hat sich möglicherweise bei der Ultraschalluntersuchung einer Schwangeren infiziert. Aber alle wurden bisher negativ getestet und sind symptomfrei. Die Familie wurde mit einer speziellen Gulfstream III (Kennzeichen: N173PA) der „U.S. Medical Airline Phoenix Air“ eingeflogen. (11)
Es ist richtig, dass diesem Hilfspersonal geholfen wird, wenn und soweit dies möglich ist. Nach einem Bericht der „Washington Post“ soll der widerliche U.S. Präsident Donald John Trump angeblich eine Rückkehr des infizierten Arztes in die USA untersagt haben, was vom Weißen Haus dementiert wurde. (12) Aber auch ein Flug der „Air France“ (AF378) von Paris nach Detroit wurde kurz vor der geplanten Landung umgeleitet, weil ein Passagier aus der Demokratischen Republik Kongo an Bord war. Die Maschine wurde nach Montreal (Kanada) umgeleitet. (13) Der nicht-genannte Grund für die amerikanischen Vorsichtsmaßnahmen ist klar: WM.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) meinte dazu „Für die Bundesregierung ist es selbstverständlich, dass wir unseren Partnern helfen. (…) Sie werden bestmöglich versorgt – und wir wahren dabei die höchsten Sicherheitsvorkehrungen.“ (14) Unklar ist, wer die Kosten für die Familie übernimmt.
Ein weiterer Arzt aus dem Kongo, der bisher keine Krankheitssymptome aufweist, sollte zunächst in Berlin versorgt werden, wird nun aber ins tschechische Fakultätskrankenhaus Bulovka (tsch.: Fakultní nemocnice Bulovka) in Prag-Libeň (Budínova 67/2) verlegt.
Vor dem Gebäude der Sonderisolierstation der Charité steht eine herkömmliche Parkbank im Grünen. Dort sitzen manchmal Leute und wissen noch nicht, was sie machen jetzt sollen. Dann waren sie kurz zuvor in der Infektionsstation und haben schlechte Nachrichten bzgl. ihrer Angehörigen mitgeteilt bekommen.
- Umgebung des CRV
Die Rudolf Virchow Klinik befindet sich zwischen dem alten Hauptgebäude des Robert Koch-Institutes (RKI) (Nordufer 20) und dessen „Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene“ (Seestraße 10), das gegenwärtig vom RKI-Präsidenten Prof. Dr. Lars Schaade geleitet wird. Das Zentrum unterhält ein Hochsicherheitslabor „ZBS 5“, dabei handelt es sich um ein Labor der Sicherheitsstufe BSL-4. Leiter des „ZBS-5“ ist Dr. Andreas Kurth, so dass im Bedarfsfall eine hochqualifizierte Expertise zur Verfügung steht.
Außerdem gehören zum CRV die „Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin“ (IST) unter Leitung von Prof. Dr. Leif Erik Sander (Südring 2) und das „Institut für Medizinische Immunologie“ (IMI) (Südstraße 2) unter Leitung von Prof. Dr. Chiara Romagnani. Der Schwerpunkt des Instituts liegt in der Entwicklung neuer Konzepte für die Pathogenese von Immunerkrankungen sowie für ihre verbesserte Diagnostik und Therapie.
Nicht zuletzt gibt es auf dem weitläufigen Campus des Krankenhauses einen Container, in dem ABC-Material eingelagert ist, so z. B. ein pneumatisches Duschzelt, um Patienten vor dem Betreten der Kliniken dekontaminieren zu können. Für den Fall, dass es in Berlin zu einem größeren Seuchenfall kommt, muss das gesamte medizinische Personal auf einen Einsatz vorbereitet und dafür ausgestattet werden. Dazu führt der CRV gelegentlich Aufbauübungen mit dem ABC-Zug der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus Berlin-Spandau durch. Dabei lernen Kardiologen, die im Berufsalltag Operationen am offenen Herzen durchführen, wie man einen ABC-Schutzanzug so an- und auszieht, dass man sich nicht selbst kontaminiert.
Nicht zuletzt sind die Experten der „Arbeitsgruppe Epidemic Preparedness and Humanitarian Aid“ unter Leitung von Dr. Maximilan Gertler des „Instituts für Internationale Gesundheit“ der Charité (Südring 2/3) seit 2021 am Aufbau einer Sonderisolierstation in Kigali (Ruanda) beteiligt, wo in Zukunft Ebola-Patienten behandelt werden sollen. (15) Als die Ebola 2014 in Guinea und 2019 im Kongo ausbrach, war er mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ vor Ort, um zu helfen. Nun will er erneut in den Kongo reisen, um dem Virus möglichst nah zu sein, in der Hoffnung, dass das Virus ihm nicht zu nah kommt. Dr. Gertler weiß, dass er im Kongo auf ganz andere Umstände treffen wird wie er sie von Berlin aus kennt. Auf die Frage, was begünstigt die Ausbreitung vor Ort, antwortete der Facharzt:
„Die schlecht funktionierende Gesundheitsversorgung und ‑überwachung. Es gibt außerdem wenig Vertrauen in öffentliche Gesundheitseinrichtungen und öffentliche Stellen überhaupt, weil sich die lokalen Machtverhältnisse immer wieder ändern können. Weiterhin ist die Region durch die militärischen und paramilitärischen Auseinandersetzungen ohnehin kompliziert und gefährlich. Wir haben es mit Millionen von Vertriebenen zu tun, neue kommen immer wieder dazu. Die Menschen leben in großer Unsicherheit. Das Gesundheitssystem ist geschwächt und der Zugang zur Versorgung kaum vorhanden. Das ist der perfekte Nährboden für Epidemien, weswegen wir auch jedes Jahr Cholera-, Masern- und Malaria-Epidemien dort sehen. Man muss an vielen Stellen ansetzen, wobei jede Intervention logistisch sehr aufwendig ist. (…)
Wir wissen, dass ein großer Teil der Gesundheitsversorgung im Osten der Demokratischen Republik Kongo auf die US-amerikanischen Mittel (gemeint sind die Hilfsgelder der United States Agency for International Development [USAID], die der Idiot Trump 2025 quasi auf Null gekürzt hat, G. P.) angewiesen ist. Fast über Nacht sind ihnen diese Mittel weggebrochen, und kaum jemand ist dafür in die Bresche gesprungen. Wir hören seit einem Jahr, dass in der Demokratischen Republik Kongo Gesundheitsprojekte geschlossen werden. Partnerorganisationen werden die Mittel gekürzt. Mehr Patienten kommen deshalb zu unseren Einrichtungen in der Region. Ich wäre trotzdem vorsichtig, einen Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung in der Region herzustellen“ (16)
Quellen:
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Charité
(2) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9e/Rudolf-Virchow-
Krankenhaus_Bauphasen.jpg
(3) https://www.bits.de/public/pdf/Infektionsstationen.pdf
(4) https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/behandlung-von-ebola-patienten
-in-deutschland-besonders-sensibel-ist-das-ausziehen-des-anzugs-a-ec8c6b2c-ea
18-46d1-9b33-712682dc7744
(5) https://www.bits.de/public/pdf/Infektionsstationen.pdf
(6) https://www.berliner-kurier.de/politik-gesellschaft/station-59-hier-herrscht-corona-
angst-hier-geht-es-nur-noch-um-die-patienten-li.121106
(7) https://www.welt.de/print-welt/article579690/Todeskampf-auf-Station-59.html
(8) https://www.telepolis.de/article/Berliner-Station-59-Vorbereitung-auf-den-Ebola-
Ernstfall-3367950.html?seite=all
(9) https://www.fr.de/politik/kann-es-behandelt-werden-ebola-ausbruch-wie-wird-
das-virus-uebertragen-was-sind-die-symptome-und-zr-94312737.html
(10) https://www.facebook.com/yahoonews/posts/by-the-time-american-surgeon-
dr-peter-stafford-who-contracted-ebola-was-flown-to/1365131002139248/
(11) https://www.bild.de/regional/berlin/us-familie-in-berliner-charite-vereint-
zweiter-ebola-rettungsflieger-gelandet-6a0e26f33b7096456ac7dbd2
(12) https://www.bild.de/regional/berlin/us-familie-in-berliner-charite-vereint-
zweiter-ebola-rettungsflieger-gelandet-6a0e26f33b7096456ac7dbd2
(13) https://www.bild.de/news/inland/jetzt-liegt-er-in-der-berliner-charite-usa-sollen-
eigenen-arzt-mit-ebola-abgelehnt-haben-6a0ebcdf3b7096456ac7e0c
(14) https://www.zeit.de/gesundheit/2026-05/ebola-virus-patient-charite-berlin-
eingetroffen-gxe
(15) https://internationale-gesundheit.charite.de/forschung/ag_epidemic_preparedness_and_
infection_prevention_in_health_care_facilities
(16) https://www.morgenpost.de/panorama/article412051381/berliner-arzt-ueber-
ebola-ausbruch-das-ist-eine-katastrophe.htm