Militärforschung
  POSEIDON-DOOMSDAY
 

Das Waffensystem POSEIDON der russischen Militaristen

Gerhard Piper

28. Februar 2021

Die russische Marine entwickelt z. Zt. mit der POSEIDON eine Waffe, die mit einem Atomsprengkopf und Atomantrieb ausgerüstet ist. Die Sprengkraft liegt im Megatonnenbereich. Mit ihr soll ein Tsunami erzeugt werden, der feindliche Küstenstädte und Flottenstützpunkte vernichtet.

Das Ding

Man weiß bis heute nicht, was das „Ding“ überhaupt ist. Ist es ein Torpedo, eine Drohne oder ein Unterwasserroboter? Die englisch-sprachige Ausgabe von „Wikipedia“ beschrieb es als „a torpedo-shaped robotic mini-submarine“. (1) Das Pentagon bezeichnete es in seinem „Nuclear Posture Review“ (NPR) vom Februar 2018 als „new intercontinental, nuclear armed, nuclear-powered, undersea autonomous torpedo“. Die US Navy sprach gar von einer neuen Waffenkategorie und nannte sie „Unmanned Underwater Vehicle“ (UUV).

Etwas mehr Klarheit gibt es bezüglich des Namens des „Dings“. Seit März 2018 lautet der russische Codename POSEIDON, im GRAU-Index trägt es die Bezeichnung „2M39“. Früher sprach man in Moskau vom „Okeanskaya Mnogozelevaya Sistema Status-6“, das wäre ein „oceanic multipurpose system“. Die NATO-ACCS nennt das bedrohliche Waffensystem KANYON.

Das Waffensystem

Die Länge des röhrenförmigen Waffensystems wird mit 20 bis 24 m angeben. Beim Durchmesser schwanken die Angaben zwischen 1,6 m bis 2,0 m. Schon diese Größe ist beeindruckend: Normalerweise verschießen U-Boote Torpedos, dieser „Torpedo“ aber ist länger als so manches U-Boot.

Der technische Aufbau des Waffensystems ist prinzipiell bekannt: An der Spitze der Röhre befindet sich ein Kollisionsvermeidungs-Sonar. Dahinter ist der Gefechtskopf mit der Nuklearladung und dahinter dessen Zündsystem. Dem folgt die Navigations- und Steuerungseinheit. Ungefähr in der Mitte der Röhre befindet sich der Nuklearreaktor, der eine Dampfturbine antriebt. Hinter der Turbine folgt ein Kondensator, um das erhitzte Wasser zurückzugewinnen, damit es in einem geschlossenen Kreislauf dem Reaktor erneut zugeführt werden kann. Am Ende befindet sich das Getriebe und der Wasserstrahlantrieb. (2)

Ursprünglich hieß es, POSEIDON habe eine interkontinentale Reichweite bis zu 10.000 km, diese Angabe wurde ab 2018 reduziert, heute spricht man eher von 5.000 bis 10.000 km. Sie könne bei einem Einsatz rund 1.000 m tief tauchen also tiefer als die meisten U-Boote. Allerdings wird die Geschwindigkeit höchst unterschiedlich angegeben. Zunächst hieß es, die POSEIDON würde sehr hohe Geschwindigkeiten (185km /h = 100 Knoten) erreichen, (3) weil sie angeblich die Fähigkeit zur Superkavitation hätte, später haben „westliche“ Experten diese Behauptung in Frage gestellt. Demnach wird die Höchstgeschwindigkeit auf 104 bis 130 km/h geschätzt. (4) Es heißt, um eine Entdeckung durch gegnerische Sonarsysteme zu vermeiden, würde sich die Waffe mit nur geringer Geschwindigkeit durch das Wasser pflügen und erst in einer Entfernung von 2 bis 3 km zum Ziel auf Vollgas umschalten.

Es wird berichtet, dass die POSEIDON „autonom“ ihr Ziel ansteuert, allerdings nicht auf einem direkten Kurs, sondern dass sie einem einprogrammierten oder durch eigene Sensoren gelenkten Zickzack-Kurs folgt, um der gegnerischen Entdeckung und Abwehr zu entgehen. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass Überwasserschiffe Navigationshilfe leisten könnten. Dies birgt die Gefahr einer Cyber-Fremdeinwirkung. Dazu erklärte der frühere GRU-Oberst Alexander Zhilin:

„The appearance of this class of drones, of course, requires a lot of responsibility, because it is managed via software. It is clear that there are certain risks when in operation hackers can try to take control. But, talking with our engineers, designers, I came to the conclusion that there is massive protection against external interference.“ (5)

Aufgrund der Zielentfernung und der Höchstgeschwindigkeit der POSEIDON kann angenommen werden, dass die Waffe mitunter 100 Stunden unterwegs ist, bevor sie ihr Ziel zerstört. Durch ihren Nuklearantrieb kann sie eventuell wochenlang unterwegs sein.

Im Gegensatz zum Einsatz einer feindlichen Interkontinentalrakete gibt es hier keinen Abschussblitz, kann der Unterwasser-Start des Flugkörpers nicht festgestellt werden. Das Geschoss ist mit einer Stealth-Schutzschicht versehen. Der Atomreaktor verfügt über eine Geräuschdämmung. Hier stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Vorwarnzeit gibt oder nur einen „Überraschungseffekt“.

Es ist nicht bekannt, ob das Waffensystem einen (ferngesteuerten) Selbstzerstörungsmechanismus hat, der auch auf große Entfernung ausgelöst werden kann. Angesichts der Tatsache, dass Funkwellen das Wasser nur in einem sehr tiefen Frequenzbereich und nur sehr langsam durchdringen, ist davon auszugehen, dass es keinerlei ferngesteuerte Eingriffsmöglichkeiten gibt. Das heißt, einmal abgeschossen kommt es vier Tage später unvermeidlich zu einer verheerenden Nukleardetonation.

Der Sprengkopf

Als Waffensystem ist die POSEIDON so fragwürdig, wie jedes andere Waffensystem auch. Allerdings kommt bei dieser Waffe noch ein technisches Merkmal hinzu, was das „Ding“ besonders verwerflich macht, das ist die Zerstörungskraft des Nukleargefechtskopfes.

Die zylinderförmige Gefechtskopfsektion der POSEIDON hat eine Länge von ca. 4 m bei einem Durchmesser von 1,5 m. Somit füllt der Gefechtskopf (ohne Zünder) ein Volumen von 7 Kubikmetern aus. Aufgrund des zur Verfügung stehenden Raumes hat man versucht zu berechnen, wie groß die Nuklearladung und damit die maximale Sprengkraft wäre. Diese wird heutzutage sehr unterschiedlich angegeben. Manche geben eine Sprengkraft von „nur“ 2.000.000 Tonnen TNT-Äquivalent an, andere befürchten eine Gefechtskopfstärke von 50.000.000 oder gar 100.000.000 Tonnen. Es gibt bisher keine Erklärung für diese enorme Unterschiedlichkeit der abgegebenen Schätzungen. Manche Experten halten es für am wahrscheinlichsten, dass man sich im Rahmen einer „design maturation“ für den kleineren Gefechtskopf entscheiden wird. So könnte man den Kobalt-Mantel verdünnen oder komplett darauf verzichten. Um diese Angaben richtig einschätzen zu können, muss man wissen, dass die gesamte im Zweiten Weltkrieg von allen Kriegsparteien an allen Fronten eingesetzte Munition gerademal eine Sprengkraft von ca. 5.000.000 Tonnen TNT hatte.

Die möglicherweise extrem hohe Sprengkraft der POSEIDON wird dadurch erzeugt, dass es sich um eine dreistufige Atomwaffe handelt. Zunächst wird eine atomare Spaltbombe (vermutlich Plutonium) gezündet, die ihrerseits eine Wasserstoffbombe zur Detonation bringt, die mit einem Mantel aus dem Isotop Kobalt-59 umgeben ist. Im Falle einer Nukleardetonation wandelt sich das Co-59 durch Neutroneneinfang in Co-60. Dieses hat eine Halbwertszeit von circa 5,26 Jahren, seine Radioaktivität nimmt also erst im Lauf von 50 Jahren auf etwa ein Tausendstel des anfänglichen Wertes ab, dabei emittiert das Isotop Co-60 Gammastrahlung hoher Durchdringungsfähigkeit, so dass das betroffene Gebiet dauerhaft unbewohnbar wäre. Kerntechniker sprechen in diesem Zusammenhang von einer „salted bomb“ oder „dirty bomb“. Theoretische Berechnungen haben ergeben, dass man mit zehn großen Kobaltbomben die gesamte Menschheit umbringen könnte. (6)

Bei der Zündung einer 100 Megatonnen-Bombe in Küstennähe hätte die so genannte „Pilzwolke“ eine Ausdehnung von 204 km und würde bis in eine Höhe von 52,8 km aufsteigen. In Abhängigkeit von der geologischen Beschaffenheit des Meeresbodens würde ein Krater von rund 430 m Tiefe zurückbleiben. Der radioaktive Fallout würde in Windrichtung fortgetrieben und große Gebiete dauerhaft verstrahlen. (7) Alex Wellerstein rechnet mit einer verstrahlten Zone von 1.700 mal 3.00 km Ausdehnung. (8) Sollte ein solcher „city buster“ gegen New York eingesetzt werden, müsste man - nach den Berechnungen von Wellerstein - mit über 7.917.000 Toten und fast 4.020.000 Verletzten rechnen. Nach geheimen Berechnungen von Juri N. Smirnow aus den sechziger Jahren würde eine pazifische Tsunami-Welle von der Westküste der USA bis an die Rocky Mountains klatschen. (9)

Durch die Detonation wird gleichzeitig eine große Masse an Wasser in Bewegung gesetzt, dadurch entsteht ein Tsunami, dessen Wellenberg von der Entfernung des Detonationsortes zum Küstenstreifen und von der geographischen Gestaltung des Meeresbodens abhängt. Wird der Sprengkopf in einer Distanz von 900 km gezündet, beträgt die Wellenhöhe immer noch 4,6 m, bei einer Entfernung von 9 km gigantische 457 m. Somit wäre der Tsunami höher als das Empire State Building (443 m), als ob ein Asteroid eingeschlagen wäre. Wenn sich eine solche Wasserfront über das Festland bewegt, hinterlässt sie irgendwo im Landesinneren einen weiten Trümmergürtel.

Die POSEIDON ist nicht die erste und einzige überdimensionierte Megatonnen-Atomwaffe. Bereits im Jahr 1952 begann das Konstruktionsbüro KB-11 Minsredmash in Arzamas-16 bzw. Sarow unter Führung des Kernphysikers Wladimir Iwanowitsch Alferow und in Zusammenarbeit mit Juli Borissowitsch Chariton mit der Entwicklung eines Nukleartorpedos (yadernyye torpedy) „T-15“. Dieser hatte bei einer Länge von 24 m und einem Durchmesser von 1,55 m ein Gesamtgewicht von 40 Tonnen. Er sollte einen Atomsprengkopf von 100 Megatonnen über 30 oder 40 km ins Ziel befördern. Als Trägerschiffe waren die U-Boote der November-Klasse (Projekt 627) vorgesehen. Im Jahr 1955 wurde das Projekt eingestellt, möglicherweise gab es – zumindest vereinzelt – Kritik innerhalb der Admiralität.

Im Jahr 1961 entwickelte Russland den Bombentyp „AN602 Zar“ (Deckname: WANJA). Auch diese Waffe hatte eine Sprengkraft von 100 bis 150 Megatonnen. Durch mehrere (gleichzeitige) Tsunamis sollten die USA weitgehend vernichtet werden: Projekt LAVINA.

Allerdings gab es auch Kritik an dem Projekt: So erklärte Konteradmiral Pjotr Fomin, der damals für die Atomtests der russischen Marine zuständig war, die neue Waffe sei „scheußlich“.

Die „Zar“-Bombe hatte bei einer Länge von 8 m und einem Durchmesser von 2 m ein Eigengewicht von 27 Tonnen. Sie wurde von einem Team um Andrej Dmitrijewitsch Sacharow und Juli Borissowitsch Chariton entwickelt. Nur ein einziges Mal, am 30. Oktober 1961, wurde die Bombe tatsächlich überirdisch getestet. Ein Bomber Tupolew Tu-95W warf die Testbombe über der arktischen Insel Sewerny bei Nowaja Semlja im nördlichen Eismeer ab. Aus Sicherheitsgründen ließ Sacharow vorher die Sprengkraft durch technische Manipulationen am Bombenmantel auf rund 57 Megatonnen reduzieren. (10)

Über die Folgen der damaligen Detonation berichtete der „Spiegel“:

„Um 11.29 Uhr wurde die Bombe in 10.500 Metern Höhe über Nowaja Semlja abgeworfen. Ein Fallschirm drosselte den Sturz des Kolosses, um dem Flugzeug genug Zeit zu geben, die Gefahrenzone zu verlassen. 188 Sekunden später, erreichte RDS-220 4000 Meter Höhe. Der Zünder entfachte das Inferno.

Der Lichtblitz war so hell, dass er trotz dichter Wolkendecke noch in tausend Kilometern Entfernung zu sehen war.

Die Druckwelle riss den Luftstrom unter den Flügeln der Tupolew ab, die zum Zeitpunkt der Explosion 45 Kilometer von Ground Zero entfernt war. Das Flugzeug stürzte tausend Meter in die Tiefe, bevor es von den Piloten wieder abgefangen werden konnte.

Der Feuerball dehnte sich bis in eine Höhe von zehn Kilometern aus. Der Atompilz wuchs auf eine Höhe von 64 Kilometern.

In einem Radius von 55 Kilometern machte die „Zar“-Bombe alles dem Erdboden gleich. Noch in 270 Kilometern Entfernung fühlten Beobachter die Hitze der Bombe auf ihrer Haut. In Norwegen und Finnland, mehr als tausend Kilometer entfernt, zerbrachen Fensterscheiben. Die Druckwelle der Explosion konnte noch bei ihrer dritten Umrundung des Erdballs gemessen werden.“ (11)

Obwohl der Bomber zum Zeitpunkt der Detonation bereits rund 40 Kilometer entfernt war, begannen Triebwerke der Maschine durch die freigesetzte Hitze zu schmelzen. Dennoch gelang es dem Piloten, die Maschine sicher zu landen. Nach dem Test war klar, dass die Sowjetunion für eine solche Bombe keinen geeigneten Bomber hatte. Daher Sacharow erneut die Idee zu Entwicklung eines „Supertorpedos“ auf. In seinen Memoiren schrieb er:

„After testing the „big“ product, I was worried that for him there is no good carrier (bombers do not count, they are easily knocked down) - that is, in a military sense, our work was wasted. I decided that such a carrier could be a large torpedo launched from a submarine. I imagined that it would be possible to develop a straight-flow water-steam atomic jet engine for such a torpedo. The purpose of the attack from a distance of several hundred kilometers should be the enemy's ports. War on the sea is lost, if the ports are destroyed - in this we are assured by the sailors. The body of such a torpedo can be made very durable, it will not be afraid of mines and fence networks.“ (12)

Für seine Arbeit erhielt griff Andrej Dmitrijewitsch Sacharow 1954 den Stalinpreis und 1975 für seine politisch bedingte Arbeitslosigkeit den Friedensnobelpreis.

Nach mehr als 50 Jahren soll das alte Projekt nun in Form der POSEIDON doch noch Realität werden. Mit der Einführung der POSEIDON wird z. Zt. für das Jahr 2027 gerechnet. Der amerikanische Atomwaffenexperte Jeffrey Lewis vom „Center for Nonproliferation Studies“ (CNS) in Monterey erklärte Ende 2015 dazu: „Auf die Gefahr hin zu übertreiben: Dieses Projekt ist völlig durchgeknallt“. (13) Andere US-Experten waren konsterniert und nannte das Projekt schlicht „exotic“.

Die Zielauswahl

Die Russen wollen mehr als dreißig POSEIDON beschaffen, das stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt genügend potentielle Ziele für eine solche Waffe?

Aufgrund der großen Reichweite und der begrenzten Höchstgeschwindigkeit kommen i. d. R. nur ortsfeste Objekte als Ziel in Frage. Zu nennen sind hier Küstenstädte mit oder ohne Hafen bzw. Marinestützpunkt. Das Ziel wird in den Bordcomputer einprogrammiert, der es danach selbstständig steuert. Aufgrund ihrer waffentechnischen Parameter gilt die POSEIDON als atomare Zweitschlagswaffe und wird so in der russischen Propaganda auch dargestellt. Aber natürlich kann man sie auch bei einem Erstschlag einsetzen, z. B. gegen die Flottenstützpunkte der amerikanischen Atom-U-Boote der „Ohio“-Klasse in Puget Sound (US-Bundesstaat Washington) und Kings Bay (Georgia). Wegen ihrer hohen Sprengkraft käme auch ein Einsatz gegen US-Flugzeugträgergruppen, also einem Verband aus einem Flugzeugträger mit seinen Begleitschiffen, in Frage. Ein Einsatz wäre keineswegs „unproblematisch“, da die Tsunami-Welle zurückrollt und – mit wesentlich geringerer Wellenhöhe – auf die eigenen Küstenstädte auftreffen würde. Letztendlich sind die Folgen eines Tsunamis unkalkulierbar, wie der SUPER-GAU von Fukushima am 11. März 2011 gezeigt hat.

Der Einsatz der POSEIDON erfolgt durch den Stab der Abteilung für Tiefseeforschung (Glavnoye Upravlenie Glubokovodsk Issledovanii - GUGI) beim Marineführungsstab im Verteidigungsministerium, der unter strenger Geheimhaltung allerdings relativ selbstständig agieren kann.

Die Trägerschiffe

Wenn man an U-Boote denkt, dann haben viele die Bilder aus dem alten Spielfilm „Das Boot“ im Kopf: Ein schmaler Mittelgang, in dem die Matrosen in ihren schweißnassen Unterhemden dicht bei einander stehen, die Hände ölverschmiert, darauf wartend, dass das Boot endlich auftaucht und seine Luken öffnet, damit die stinkenden Abgase des Dieselmotors entweichen können. Dies hat mit der Waffenrealität von heute nichts mehr gemein. Die modernen, russischen Atom-U-Boote sind schon aufgrund ihrer gigantomanischen Größe Kathedralen der Zerstörung.

Nach den bisherigen Plänen sollen vier U-Boote mit insgesamt 30 bis 32 POSEIDON ausgerüstet werden. Zwei Boote werden im Nordatlantik stationiert, zwei im Nordpazifik. Um ein solch großes und schweres Waffensystem sicher transportieren und installieren zu können, ist eine entsprechende Infrastruktur an Land nötig, die parallel zum Bau der U-Boote errichtet wird.

- Test-U-Boot Sarow

Die ersten Tests noch mit Attrappen der POSEIDON wurden an Bord des U-Bootes „B-90 Sarow“ durchgeführt. Die Waffentests begannen circa 2010. Das Bild eines zivilen Fotosatelliten vom 30. Juli 2010 zeigt die „Sarow“ im Hafen von Archangelsk mit einer POSEIDON an Bord. Allerdings war die damalige Flugkörpervariante nur 18 bis 19 m lang. (14) Später wurden mehrere Prototypen abgefeuert. Das Testprogramm an Bord der „Sarow“ wurde mittlerweile abgeschlossen.

Die „B-90 Sarow“ (Projekt 20120) ist ein U-Boot, das ursprünglich zur „KALUGA“-Klasse (NATO-Code: KILO) gehörte. Diese U-Boote haben eine Länge von 72,6 m und eine Breite von 9,9 m. Sie werden von zwei Dieselaggregaten angetrieben und erreichen getaucht eine Höchstgeschwindigkeit von 31 km/h. Die Besatzung besteht aus 52 Matrosen.

Das U-Boot wurde vom Konstruktionsbüro Rubin in Sankt Petersburg entworfen und auf der auf der Sewmasch-Werft in Sewerodwinsk auf Kiel gelegt. Der Stapellauf des Bootes fand am 24. Dezember 2007 statt, es wurde am 7. August 2008 in-Dienst gestellt. (15) Möglicherweise wurde es später auf der Zvezdochka-Werft in Archangelsk noch einmal umgebaut.

- Belgorod

Die „K-139 Belgorod“ (Projekt 09852) ist ein Einzelstück. Sie gehörte ursprünglich zur OSCAR-II-Klasse (NATO-Code), zu der auch die im August 2000 versunkene „K-141 Kursk“ gehörte. Mit einer Länge von 184 m und einer Wasserverdrängung von 30.000 Tonnen ist die „Belgorod“ das größte U-Schiff der Welt. Es wird angetrieben von zwei Druckwasserreaktoren vom Typ OK-650W mit einer Leistung von 100.000 PS. (16) Der neuartige Reaktor wurde vom Opytnoye konstruktorskoye byuro mashinostroyeniya imeni Igor Ivanovich Afrikantova (OKBM, engl.  Afrikantov Experimental Design Bureau for Mechanical Engineering) in Nischni Nowgorod (Burnakovskii pr., 15) konstruiert. (17) Der Reaktortyp wurde Ende 2018 an Bord der „Sarow“ getestet. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 33 Knoten, (18) die Tauchtiefe bei 520 m. (19) Die Belgorod soll – nach unterschiedlichen Angaben – vier, sechs oder acht POSEIDONs befördern können.

Daneben dient die Belgorod auch Aufklärungszwecken. So hat sie ein Tieftauch-U-Boot vom Typ „Losharik“ (Projekt 210) auf ihrem Rumpf installiert. Die „Losharik“ hat eine Länge von 69 m und eine Breite von 7 m. Die Wasserverdrängung beträgt über 2.000 Tonnen. Der Bootskörper besteht aus einer Titanhülle. Auch sie hat mit dem Druckwasserreaktor E17 einen Nuklearantrieb. Sie kann 1.000 m tief tauchen. Die Besatzung besteht aus 25 Matrosen.

Diese „Mini-U-Boote“ besitzen Roboterarme. Mit ihnen können Horchbojen des neuen Systems „HARMONY“ ausgesetzt werden oder transatlantische Kommunikationskabel zwischen den NATO-Staaten in Nordamerika und Europa angezapft werden. Über die 232 Kabel mit einer Gesamtlänge von 1,23 Millionen Kilometern werden 90 Prozent des internationalen Datenverkehrs abgewickelt. (20) Von dieser Schiffsklasse gibt es mindestens zwei Exemplare: „AS-12“ und „A(S)-31“, das erste Boot wurde 2010 nach zwanzigjähriger Bauzeit in Dienst gestellt.

Dieses Spionageprojekt erlitt am 1. Juli 2019 einen Rückschlag, als an Bord der „A-31“ bei einer Probefahrt in der Barents-See ein Brand im Batterieraum ausbrach: Vierzehn hohe Marineoffiziere kamen dabei ums Leben; das Boot wurde schwer beschädigt, soll aber wieder in Dienst gestellt werden.

Bei Baubeginn war die Belgorod noch als herkömmliches U-Boot der OSCAR-II-Klasse (Projekt 955) geplant, genauer gesagt gehörte es zur ANTEJ-Variante (Projekt 949A) (NATO-Code: DOLGORUKI). Die Kiellegung erfolgte bereits am 24. Juli 1992, aber der Bau des Bootes sollte zwanzig Jahre dauern: Im Jahr 1994 oder 1997 ging der russischen Regierung das Geld aus und der Bootsrumpf wurde „auf Eis“ gelegt. Damals war das Boot gemäß dem ursprünglichen Entwurf erst zu 75 Prozent fertiggestellt. Nach mehreren Jahren entschied man sich, die Belgorod zu einem Spezial-U-Boot umzurüsten. Mit den Umbauarbeiten wurde 2009 begonnen. So kam es Anfang 2012 auf der Sewmasch-Werft zu einer „zweiten Kiellegung“ der „K-139“. Danach wurde der Rumpf um 30 m verlängert und weitere Umrüstungen durchgeführt. Am 23. April 2020 erfolgte der Stapellauf. Die Seeerprobung wurde mit der ersten Mannschaft im Juli 2020 aufgenommen und soll bis Juni 2022 abgeschlossen sein. Dann wird das Boot offiziell der Marine übergeben.

- Chabarowsk

Für die POSEIDON als Trägerschiffe extra entwickelt sind die U-Boote der Chabarowsk-Klasse (Projekt 09851 Kalitka-SMP). Geplant sind insgesamt drei Exemplare.

Die „Chabarowsk“ hat eine Wasserverdrängung von 10.000 Tonnen. Die Geschwindigkeit beträgt 30 bis 32 Knoten, die maximale Tauchtiefe 480 bis 500 m. Eine Unterwasserfahrt dauert ca. 120 Tage. Die Besatzung besteht aus mindestens 100 Matrosen. Jedes Boot der Chabarowsk-Klasse wird wahrscheinlich 6, eventuell 8 POSEIDONs befördern. Die Startrohre tragen die Typenbezeichnung „6 2P39“.

Das Typschiff wurde am 27. Juli 2014 in der Sewmasch-Werft in Sewerodwinsk auf Kiel gelegt. Dieses Boot beruhte ursprünglich auf dem Entwurf der BOREI-A-Klasse, aber dann wurde seine Konstruktion geändert. Eigentlich sollte der Stapellauf im bereits im Juni 2020 erfolgen, aber er hat sich verzögert und man rechnet damit erst in diesem Jahr. Danach steht die schiffstechnische Erprobung auf dem Programm, die zwei Jahre in Anspruch nehmen wird.

Die Boote der Ursprungsklasse BOREI-A haben eine Länge von 154,7 m und eine Breite von 18,2 m. Sie haben einen Druckwasserreaktor OK-650W, der eine Dampfturbine GT3A antreibt. Die Höchstgeschwindigkeit bei einer Tauchfahrt liegt bei 33,4 Knoten; die Tauchtiefe 600 m.

- U-Boot des Projekts 09853

Diese U-Boot-Klasse wird vom Konstruktionsbüro RUBIN in Sankt Petersburg entwickelt. Das Ulyanovsk-Projekt begann spätestens 2016. Es ist noch in einer Frühphase. Die Schiffsklasse hat noch keinen Namen. Das Typschiff wird frühestens 2027 fertiggestellt. Geplant ist der Bau von zwei Einheiten.

- OKR SKIF

Außer an Bord von mobilen U-Booten kann POSEIDON auch ortsfest auf dem Meeresboden in russischen Küstengewässern stationiert und aus Silos oder Containern gestartet werden. Dieses Projekt trägt die Codebezeichnung SKIF. Die Container mit den Flugkörpern haben ein Gesamtgewicht von rund 100 Tonnen. Sie müssten dann durch Überwasserschiffe zu ihrem Unterwasser-Stationierungsort in der Arktis gebracht werden. Dazu müssen die Transportschiffe eisgängig sein. Das Projekt wurde erstmals am 21. Mai 2013 im russischen Fernsehen genannt.

Eine solche Stationierungsvariante ist nur innerhalb der 12-Meilen-Zone der russischen Territorialgewässer erlaubt. Ansonsten würde das Projekt gegen den „Treaty on the Prohibition of the Emplacement of Nuclear Weapons and other Weapons of Mass Destruction on the Sea-Bed and the Ocean Floor and in the Subsoil“ (= Meeresbodenvertrag) vom 18. Mai 1972 verstoßen.

- Sonstige

Gelegentlich wurde die POSEIDON-Testflugkörper auch per Überwasserschiffen zu ihrem Bestimmungsort transportiert. So zeigen entsprechende Aufnahmen das Waffensystem u. a. an Bord der „Akademik Aleksandrow“ (Projekt 20183) und der „Zvezdochka“ (Projekt 20180).

Die „Akademik Aleksandrow“ wird offiziell als ozeanographisches Forschungsschiff geführt. Sie wird mal als Spionageschiff, mal als Such- und Rettungsschiff eingestuft. Es ist 96 m lang und 19 m breit. Das Schiff kann in vereisten Seegebieten eingesetzt werden. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 14 Knoten. Das Schiff verfügt über drei große Kräne mit einer Tragkraft von bis zu 100 Tonnen. Zur Ausstattung gehört mindestens ein Mini-U-Boot für Tieftaucheinsätze bis zu einer Tiefe von 6.000 m. Es ist bei Bedarf mit einem Bordhubschrauber Kamow „Ka-27“ ausgestattet. Die Besatzung setzt sich aus 65 Matrosen zusammen. Das Schiff wurde vom Konstruktionsbüro Almaz in Sankt Petersburg entworfen, seit 2012 auf der Zvezdochka-Werft gebaut und im März 2020 an die russische Marine übergeben. Diese Schiffsklasse umfasst drei Einheiten. (21)

Das Überwasser-Begleit- und Rettungsschiff „Zvezdochka“ (Taktische Nummer: 600) hat eine Wasserverdrängung von 5.500 Tonnen und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 14 Knoten. Es ist eisgängig und kann auch in arktischen Gewässern eingesetzt werden. Zur Ausstattung des Schiffes gehört ein Kran und das Rettungs-U-Boot „Quantum“. Die Besatzung besteht aus 65 Matrosen. Das Schiff wurde vom Konstruktionsbüro Almaz in Sankt Petersburg konstruiert, auf der Zvezdochka-Werft in Sewerodwinsk gebaut und im Juli 2010 in Dienst gestellt. Das Schiff ist normalerweise in Sankt Petersburg stationiert.

Zur Entwicklungsgeschichte

Entwickelt wurde die POSEIDON von dem Konstruktionsbüro Zentral´noe Konstruktorskoe Bjuro Rubin (TsKBN MT Rubin OAO, dt.: Zentrales Konstruktionsbüro Rubin - ZKB Rubin) in Sankt Petersburg (ulitsa Malata 90) konstruiert. (22) Der Chefdesigner ist Alexander Shalnev.

Die erste Meldung darüber, dass die Russen ein neues Waffensystem entwickeln würden, tauchte am 8. September 2015 auf, als im „Washington Free Beacon“ der Artikel „Russia Building Nuclear-Armed Drone Submarine“ des Militärexperten Bill Gertz erschien:

„Russia is building a drone submarine to deliver large-scale nuclear weapons against U.S. harbors and coastal cities, according to Pentagon officials.

The developmental unmanned underwater vehicle, or UUV, when deployed, will be equipped with megaton-class warheads capable of blowing up key ports used by U.S. nuclear missile submarines, such as Kings Bay, Ga., and Puget Sound in Washington state.

Details of the secret Russian nuclear UUV program remain closely held within the U.S. government.

The Pentagon, however, has code-named the drone "Kanyon," an indication that the weapon is a structured Russian arms program. (…)

Officials familiar with details of the Kanyon program said the weapon is envisioned as an autonomous submarine strike vehicle armed with a nuclear warhead ranging in size to "tens" of megatons in yield. A blast created by a nuclear weapon that size would create massive damage over wide areas. (…)

"It’s very difficult to consider Russia a responsible party when it’s developing something like this," the official said.“ (23)

Im Juli 2015 erließ das russische Verteidigungsministerium eine neue Marinestrategie, in der ausdrücklich die Entwicklung neuer Waffentechnologien gefordert wurde. Dabei war explizit von unbemannten Unterwasser-Fahrgeräten. (24)

Im November 2015 traf sich Staatspräsident Wladimir Putin mit hohen Offizieren zu einer Besprechung in Sotschi. Anwesend war ein Kamerateam des russischen Fernsehens. Dabei wurde ein russischer Offizier gefilmt, der auf dem Tisch vor sich eine Übersichtstafel über die U-Boot-Projekte „Belgorod“ und „Chabarowsk“ sowie das Waffensystem „Status-6“. In dem Screenshot hieß es über die Eigenschaften des neuen Waffensystems es habe eine Reichweite von bis zu 10.000 km und eine Tauchtiefe von bis zu 1.000 m, und:

"(...) destroy important economic installations of the enemy in coastal areas and cause guaranteed devastating damage to the country's territory by creating wide areas of radioactive contamination, rendering them unusable for military, economic or other activity for a long time." (25)

Das scheinbar zufällig aufgenommene Bild wurde vermutlich gezielt lanciert, um den „Westen“ einzuschüchtern.

Am 1. März 2018 hielt der russische Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin eine Rede zur Lage der Nation voller Andeutungen vor dem russischen Föderationsrat. Anlass war die nächste Präsidentschaftszustimmungsabstimmung am 18. März, bei denen Putin als amtierender Staatspräsident erneut kandidierte. Gegenstand der Rede waren die laufenden Nuklearwaffenprogramme (AVANGUARD, BURREVESTNIK, KINZHAL, SARMAT, TSIRKON und POSEIDON bzw. „Status-6“). (26) Damals erklärte Putin, ohne die POSEIDON beim Namen zu nennen:

„In Russland haben wir sogar unbemannte tauchfähige Schwimmkörper entwickelt, die sich ferngesteuert in sehr großen Tiefen von Kontinent zu Kontinent fortbewegen können – mit einer Geschwindigkeit, die mehrfach höher als die von U-Booten, normalen Torpedos oder sehr schnellen Überwasserschiffen ist. Sie sind wirklich außergewöhnlich. Sie sind geräuschlos, sehr manövrierfähig und vom Feind kaum auszuschalten. Es gibt einfach nichts auf der Welt, was sie aufhalten könnte.

Unbemannte Unterwasserfahrzeuge können entweder konventionelle oder atomare Sprengköpfe tragen, sind also gegen unterschiedliche Ziele einsetzbar – zum Beispiel gegen Flugzeugträger-Gruppen, Küstenbefestigungen oder Hafenanlagen.

Im Dezember 2017 hat eine dieser innovativen, mit Atomkraft angetriebenen Unterwasser-Drohnen einen Testzyklus beendet, der mehrere Jahre gedauert hat. Sein Atomantrieb ist trotz seiner geringen Größe einzigartig und hat trotz seines geringen Gewichts eine sehr hohe Antriebskraft. Der Antrieb ist hundertmal kleiner als der Antrieb eines modernen Atom-U-Bootes; die Unterwasser-Drohne kann aber sehr viel schneller schussbereit gemacht werden und mehr Zerstörungskraft freisetzen.

Nach erfolgreichen Tests können wir jetzt eine völlig neue strategische Waffe bauen, die einen großen Atomsprengkopf tragen kann.“ (27)

Die „Friedensbewegung“ zur russischen Atomrüstung

Von Seiten der Linken, die sich selbst gerne als fortschrittliche Friedensfreunde darstellen, wurde die Rede von Putin in geschraubten Argumentationsketten zu etwas überaus Positivem umgedeutet und die nuklearen Rüstungsprogramme wohlwollend begrüßt. Analog zu den eigenen politischen Stereotypen erklärte man, Russland könne nun mit dem bösen Imperialisten im Westen rüstungstechnisch gleichziehen, diese vielleicht sogar überholen. Auf eine waffentechnische Analyse als Basis der eigenen Bewertung wurden vollständig verzichtet, ebenso auf jegliche Kritik an der russischen Überrüstung. Möglicherweise hatten die „Peaceniks“ die etwas verworrenen Ausführungen und Vernichtungsfantasien Putins nicht wirklich verstanden:

Im „Neuen Deutschland“ schrieb René Heilig am 4. März 2018:

„Wie zu Zeiten des vergangenen Kalten Krieges scheint Putin zu der Ansicht gekommen zu sein, dass Russland sich im Westen nur Gehör verschaffen kann, wenn das russische Militär den Ton bestimmt. Doch er weiß auch um die Gefahr solcher Töne. So betonte der russische Staatschef parallel zur Präsentation von angeblich absolut neuartigen strategischen Waffen: „Wir haben nach wie vor keine Pläne, dieses Potenzial für offensive und erst recht nicht für aggressive Zwecke zu verwenden.“

In der Tat ist Russlands Aufrüstung gigantisch und ökonomisch weit umfangreicher, als es dem Gemeinwesen zuträglich ist. (…)

Zumindest technologisch scheint Russland das unter Jelzin gegrabene Tal des Elends überwunden zu haben.“ (28)

So berichtete die „Linkszeitung“ aus Lahr am 1. März 2018:

„In seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation stellte der russische Präsident Wladimir Putin neue russische Waffensysteme vor. Diese sind die Antwort auf die 2010 unter US-Präsident Barack Obama gestartete atomare Aufrüstung. (…)

Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich offenkundig viel Zeit gelassen um, um auf diese Provokation zu reagieren. Vermutlich hatte er auch darauf gehofft, daß mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump ein Einlenken auf einen gemeinsamen Weg der atomaren Abrüstung zustande käme. (…)

Auch wenn manche dieser Ankündigungen eher Bluff sind und noch lange keine Realität, muß sich das US-Militär eingestehen, daß milliardenschwere Anstrengungen, um eine westliche militärische Überlegenheit zu erringen, verpufft sind. Die russische Armee ist im Vergleich zu den Zeiten Jelzins wieder schlagkräftig und vermag auch bei einer Unterlegenheit von 800.000 zu 3.200.000 (NATO) SoldatInnen einen Eroberungsfeldzug nach Vorbild Napoleons oder Hitlers als aussichtslos erscheinen lassen.“ (29)

Doris Pumphrey erklärt in einem Vortrag im Marx-Engels-Zentrum Berlin am 16. November 2018:

„Für Russland bleibt die Kriegsverhinderung und damit die atomare Abschreckung der wichtigste Faktor seiner nationalen Sicherheitsstrategie. Das russische Atomwaffenpotential soll andere Mächte vom Einsatz ihrer Atomwaffen abhalten und militärische Angriffe gegen sein Territorium mit einem hohen Preis für den Aggressor abschrecken. (…)

In seiner Rede am 1. März 2018 sagte Putin, der Westen habe offensichtlich vorgehabt, „einen möglichst großen militärischen Vorsprung zu erringen, um Russland in allen künftigen Verhandlungen die Bedingungen diktieren zu können.“ In ihrer grenzenlosen Arroganz hatten die Herren und Damen des NATO-Kriegsbündnisses die Hand ausgeschlagen, die Putin ihnen immer wieder gereicht hatte. Und so kündete Putin russische Maßnahmen an, um die strategische Parität wiederherzustellen. Gleichzeitig wiederholte er sein Angebot endlich zu verhandeln, um „gemeinsam ein neues, wirklich funktionierendes, internationales Sicherheitssystem zu erarbeiten und über eine nachhaltige Entwicklung der menschlichen Zivilisation nachzudenken.“ Und er betonte, Russland sei jederzeit zu Verhandlungen bereit. Dass der „Westen“ sich von Putins Rede schockiert zeigte, von Aggressivität und Provokation sprach – wer könnte es anders erwarten. (…)

Das bedeutet natürlich nicht, die Friedensbewegung müsste nun eine atomare Bewaffnung aller Staaten begrüßen, die sich dem USA/NATO-Diktat nicht beugen wollen. (…)

Russland bedroht uns nicht. Russland hat keinerlei Interesse an einem Krieg mit der NATO. Die deutsche Friedensbewegung steht in der Pflicht sich der Geschichte zu erinnern und die Hetze gegen Russland klar zurückzuweisen. Die politische Eskalation des Westens gegen Russland macht unser offensives Eintreten für Entspannung immer dringender.“

Jochen Mitschka befand im Online-Magazin „Rubikon“ der „Initiative zur Demokratisierung“ in Mainz:

„Putins Rede zur Nation am 1. März 2018 wurde erwartungsgemäß in westlichen Medien mit „Aggression“ und „Start eines Rüstungswettlaufs“ beschrieben. Dabei ist das Gegenteil der Fall. (…)

Im Prinzip zeigt Putin auf drastische Weise, dass Wettrüsten an sich ein Schwachsinn ist, den sich die westlichen Staaten nicht länger leisten sollten. Egal welche neuen Waffensysteme entwickelt werden, erfindungsreiche Köpfe werden asymmetrische Antworten finden, die mit geringerem Aufwand verheerende Auswirkungen haben können. Noch dümmer ist es, die konventionelle Rüstung aufzublasen, wie dies derzeit in Deutschland geschehen soll. Denn die russische Kernwaffendoktrin sieht keinen Verzicht auf einen Ersteinsatz vor. Russland behält sich eine Atomwaffennutzung ausdrücklich vor, falls die Integrität des Landes verletzt werden sollte.“ (30)

Man stelle sich vor, die US-Imperialisten hätten eine Atomwaffe wie POSEIDON entwickelt und würden damit dreißig russische Küstenstädte von Sankt Petersburg bis Wladiwostok bedrohen, dann würde die linken Kommentare anders lauten.

Rüstungskontrolle?

Da es sich bei der POSEIDON um eine – selbst für atomare Maßstäbe – völlig ungewöhnliche Waffe handelt, stellt sich die offene Frage, wie man das „Ding“ in zukünftige Rüstungskontrollverträge zur atomaren „Abrüstung“ einbinden kann. USA und Russland streiten sich im Moment in der Bilateral Consultative Commission (BCC) darüber, ob die neuen russischen Atomwaffensysteme POSEIDON und SKYFALL in das neueste New-START-Abkommen integriert werden müssen oder nicht. Zudem gibt es in beiden Ländern eine konträre Entwicklung in der Atomrüstung. Während Russland zu alten Megatonnen-Stärken zurückkehrt, sind die USA gerade dabei, ihre letzten Atomwaffen mit einer Sprengkraft von über 1 Megatonne vom Typ B61 auszumustern. Michael Gorbatschow ist angesichts des andauernden nuklearen Wettrennens besorgt. Erst kürzlich erklärte er in einem Interview: „Die Hauptsache ist heute, einen Atomkrieg zu verhindern.“ (31)

Außerdem stellt sich die Frage, ob POSEIDON nicht gegen die ENMOD-Convention (= „UN-Convention on the Prohibition of Military or Any Other Hostile Use of Environmental Modification Techniques“) verstößt, die 1978 von der Sowjetunion ratifiziert wurde und jegliche „Umweltkriegführung“ verbietet.

Bleibt nachzutragen, dass auch das Los Alamos National Laboratory (LANL) im Auftrag der US-Regierung in den sechziger Jahren theoretische Überlegungen zur Entwicklung einer atomaren Tsunami-Waffe anstellte. Man kam aber zu der Erkenntnis, dass auch eine Tsunami-Welle mit einer Wellenhöhe von 1 km die Stadt Moskau nicht erreichen könnte und dass die Sowjetunion aufgrund ihrer geographischen Größe und Struktur als Zielgebiet eher ungeeignet sei. (32)

Quellen:

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Status-6_Oceanic_Multipurpose_System

(2) www.navalnews.com/naval-news/2021/01/russias-poseidon-nuclear-
torpedo-base-to-be-ready-by-summer-2022/

(3) https://en.wikipedia.org/wiki/Status-6_Oceanic_Multipurpose_System

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Poseidon_(Unterwasserdrohne)

(5) https://thebarentsobserver.com/en/security/2020/05/russia-prepares-
testing-doomsday-drone

(6) www.atomwaffena-z.info/glossar/k/k-texte/artikel/a33468ce2d0e1f5
a5fd6ffdd03fe99fd/kobaltbombe.html

(7) www.wikiwand.com/de/Poseidon_(Unterwasserdrohne)

(8) www.militaeraktuell.at/russland-konkretisiert-seine-poseidon-plaene/

(9) www.rbth.com/history/330748-soviets-planned-huge-tsunami

(10) https://de.wikipedia.org/wiki/AN602

(11) www.spiegel.de/geschichte/50-jahre-zar-bombe-die-alles-weg-maschine-
a-947372.html

(12) www.globalsecurity.org/wmd/world/russia/t-15.htm

(13) www.spiegel.de/politik/ausland/usa-nukleardoktrin-bestaetigt-atom-
torpedo-russlands-a-1191566.html

(14) www.hisulton.com/Poseidon_Torpedo.html

(15) www.hisulton.com/Poseidon_Torpedo.html

(16) https://en.wikipedia.org/wiki/OK-650_reactor

(17) https://en.wikipedia.org/wiki/OKBM_Afrikantov

(18) www.stern.de/digital/technik/belgrorod-russlan---russland-laesst-
das-groesste-atom-u-boot-der-welt-vom-stapel-8682834.html

(19) https://esut.de/2019/04/fachbeitraege/ruestung/12517/belgorod-u-
boot-atomtorpedos/

(20) www.faz.net/aktuell/politik/u-boote-aus-russland-alarmieren-gefahr-fuer-die-nato-16516951.html

(21) https://en.topwar.ru/170109-issledovatelskoe-sudno-proekta-20183-
akademik-aleksandrov-peredano-vmf-rf.html

(22) http://ckb-rubin.ru/glavnaja/

(23) https://freebeacon.com/national-security/russia-building-nuclear-
armed-drone-submarine/

(24) https://freebeacon.com/national-security/russia-building-nuclear-
armed-drone-submarine/

(25) www.bbc.com/news/world-europe-34797252

(26) www.milfors.de/Die-Modernisierung-der-strategischen-
Atomstreitkr.ae.fte-Russlands.htm

(27) www.jwd-nachrichten.de/volltext180305.htm

(28) www.neues-deutschland.de/artikel/1081313.neuer-kalter-krieg-
dank-satan-mit-den-usa-auf-augenhoehe.html?sstr=Kinschal

(29) https://linkszeitung.de/atombo180301liz.html

(30) www.rubikon.news/artikel/putins-neue-wunderwaffen

(31) www.spiegel.de/politik/ausland/atomare-abruestung-michail-
gorbatschow-dringt-auf-persoenliches-treffen-von-putin-und-biden-
a-372ffa74-846f-4a38-8e0c-02ddb3e24735

(32) www.rbth.com/history/330748-soviets-planned-huge-tsunami